Gefährliche Anziehung - Wenn Magnetismus Ihre Uhr durcheinanderbringt

Gefährliche Anziehung - Wenn Magnetismus Ihre Uhr durcheinanderbringt

von Holger Christmann am 02.11.2021
Mechanische Uhren sind absolut zuverlässig – es sei denn, sie treffen auf Magneten. Und das kann heute oft der Fall sein. Magneten stecken in Geräten, die wir täglich nutzen, wie TV-Soundbars, Bluetooth-Kopfhörer, Kühlschranktüren, Induktionsfelder, Handtaschenknöpfe, Induktionsfelder und vor allem Mobiltelefone und iPads. Sie begegnen uns auch in der Sicherheitskontrolle am Flughafen. Liegt eine mechanische Armbanduhr eine Stunde lang direkt neben einer Soundbar oder einem iPad, kann es sein, dass sie anschließend nachgeht oder gar stehen bleibt. Es hilft dann auch nicht mehr, die Uhr von der störenden Quelle zu entfernen. Sie bleibt magnetisiert. Dann hilft nur der Gang zum Uhrmacher – oder der Kauf eines Entmagnetisierers.

Das Problem des Magnetismus ist so alt wie die Armbanduhr und den Herstellern seit jeher bekannt. In den 1920er war Elektrizität zu einem Teil des Alltags geworden, aber sie magnetisiert Uhren und beeinträchtigt ihre Präzision. Tissot brachte daher 1930 das Modell Antimagnétique heraus. Es besaß ein Gehäuse aus einer Chrom-Nickel-Legierung, das nicht magnetisierbar war. Auch Elektromotoren von Lokomotiven störten den Gang mechanischer Uhren. Spezielle Railway-Modelle wurden daher durch einen Eisenmantel gegen diese Magnetfeldeinflüsse geschützt. Beispiele für Uhren mit Innengehäusen aus Weicheisen sind die IWC Ingenieur (1955), die Rolex Milgauss (1956) und die Omega Railmaster (1957). Die Abschirmung folgt der Erkenntnis, dass Magnetfelder durch leicht magnetisierbare Hohlkörper umgeleitet werden können. Der Innenraum wird dadurch weitgehend magnetisch abgeschirmt. Die Milgauss und Railmaster schützen vor Magnetfeldern von bis zu 1000 Gauss. Diese Uhren wandten sich an Ingenieure und Techniker, aber auch an Ärzte, also an Berufe, die oft mit magnetischen Geräten in Berührung kamen. Auch Piloten sind im Cockpit magnetischen Feldern ausgesetzt, die von der Bordelektronik herrühren, etwa von den magnetischen Ablenkspulen von Radarschirmen.

Heute berührt das Problem der Magnetfelder nicht nur spezielle Berufe, sondern jedermann. Darauf haben die Uhrenhersteller reagiert. Die Hauptaufmerksamkeit richtet sich auf die empfindliche und für den Gang der Uhr entscheidende Unruhspirale. Aber auch Anker, Ankerrad und Unruhwelle können betroffen sein. Der technisch versierte Frankfurter Uhrenhersteller Sinn erklärt, dass eine Nivarox-Spiralfeder den älteren Stahlfedern im Hinblick auf die Magnetfeldempfindlichkeit weit überlegen ist, 

denn mit Hilfe von Nivarox-Federn lassen sich antimagnetische Uhren gemäß DIN 8309 bauen. Diese Forderung lässt aber im Falle einer relativ schwachen Magnetfeldexposition einen Gangfehler von +/- 30 Sekunden pro Tag zu, was unter anderem unverträglich mit Chronometernormen ist.

Die Swatch Group entwickelte in jahrelanger Arbeit daher für ihre Marken eine amagnetische Silizium-Spirale. Rolex führte die ebenfalls amagnetische Parachrom-Spirale ein, deren Legierung aus Niobium, Zirkonium und Sauerstoff hergestellt wird. Den bisher konsequentesten Versuch einer optimal amagnetischen Uhr unternahm wohl Omega 2013 mit der Seamaster Aqua Terra. Ein Team aus Ingenieuren der Marke Omega, des Werkeherstellers Eta, des Forschungs- und Entwicklungslabors der Swatch-Group (Asulab) und des Unruhspiralen-Herstellers Nivarox entwickelte mit dem Automatikkaliber 8508 ein revolutionäres Uhrwerk. Anker- und Unruhewellen des Regulierorgans wurden aus dem nicht magnetischen Material Nivagauss gefertigt, Stahl wurde durch Titan, U-Boot-Stahl oder andere Legierungen ersetzt, die Spiralfeder besteht aus Silizium . Gleichzeitig führte Omega das neue Prüfzertifikat Master Chronometer ein, das auch Test auf Magnetfeld-Resistenz einbezieht. Die Prüfung übernimmt das Eidgenössische Institut für Metrologie (Metas). Die Omega Seamaster Aqua Terra war gegen Magnetfelder von bis zu 15 000 Gauss sicher. In späteren, inoffiziellen Tests war die Aqua Terra sogar gegen die zehnfache Magnetfeldstärke resistent. Heute werden alle Omega-Uhren als Master Chronometer zertifiziert. Uhren, die dieses Siegel tragen, funktionieren störungsfrei, auch wenn sie einem Magnetfeld von 15 000 Gauss ausgesetzt sind.

Auch andere Hersteller arbeiten daran, Uhren gegen Magnetismus zu immunisieren: Cartier stattete die Pasha mit dem Manufakturkaliber 1847 MC aus, dessen Hemmung aus einer nichtmagnetischen Nickel-Phosphor-Legierung besteht. In das Gehäuse ist außerdem ein Schild aus einer paramagnetischen Legierung eingelassen.
Damit ist die Pasha de Cartier gegen Magnetfelder von bis zu 1200 Gauss resistent. Panerai brachte die Submersible Amagnetic heraus, die mit einer Glucydur-Unruh versehen ist. Glucydur ist eine nichtmagnetische Kupferlegierung. Patek Philippe setzt auf Silizium-Spiralen und ließ dieses Material viele Jahre erforschen. Das Ergebnis ist die Spiromax-Unruh aus Silinvar, ein besonders temperaturstabiles Silizium. Jean-Pierre Musy von Patek-Philippe rühmte die Unruh als „nahezu perfekt“, was zeigt, dass die Hersteller im Kampf gegen die heute allgegenwärtigen Magnete bewundernswerte Fortschritte erzielt haben, das Thema die Forschungsabteilungen der großen Hersteller aber noch weiter beschäftigen wird.
Holger Christmann
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